Ausblick für europäische Aktien – Vorsicht vor Ungeheuern

In der griechischen Mythologie sieht sich Odysseus mit der Entscheidung konfrontiert, sein Schiff entweder an Skylla, einem sechsköpfigen Seeungeheuer, oder an Charybdis, einer in einem Strudel lebenden Kreatur, vorbeizulenken. Der Erzählung von Homer zufolge riet die Zauberin Kirke Odysseus an Skylla vorbeizusegeln und sechs Seeleute an das Ungeheuer zu verlieren (einen für jeden Kopf), anstatt zu riskieren, dass seine gesamte Besatzung Charybdis zum Opfer fällt. Glücklicherweise gestaltet sich die Kursplanung für 2022 und darüber hinaus nicht ganz so tückisch – wenngleich der Höhenflug des Aktienmarktes im Jahr 2021 zweifelsohne über eine Reihe komplexerer, zugrunde liegender Strömungen hinwegtäuscht.

Raue See voraus?

Die Erholung der Eurozone in diesem Jahr fiel überraschend stark aus. Die Aufhebung der Lockdowns im Frühjahr sorgte für einen rasanten Nachfrageaufschwung, der sich in den Sommermonaten weiter beschleunigte. Mittlerweile gestaltet sich der Ausblick jedoch komplizierter. Die wirtschaftliche Aktivität nähert sich wieder den vor der Pandemie verzeichneten Niveaus. Der mechanische Boost infolge der Wiedereröffnung lässt nach. Auch die Erholung bekommt Gegenwind zu spüren. Angebotsengpässe belasten die Aktivität, während die höhere Inflation eine Gefahr für den Konsum und die Rentabilität der Unternehmen darstellt. Zudem bereitet das Aufkommen der Omikron-Variante des Covid-19-Virus Sorgenpunkt.

Die Lage in China trübt den Ausblick zusätzlich ein. Das chinesische BIP, das einen wesentlichen Treiber des globalen Wachstums darstellt, gab in diesem Jahr unter das Trendniveau nach. Die Regierung hat die politischen Unterstützungsmaßnahmen eingestellt und strengere Vorschriften in wichtigen Bereichen der Wirtschaft verabschiedet. Überdies kam es zu Verwerfungen am Immobilienmarkt.

Vor diesem Hintergrund war ein Anstieg der nominalen Anleihenrenditen zu beobachten. Bislang scheinen die wichtigen Zentralbanken lieber Vorsicht walten zu lassen. Die Ansicht, die Inflation sei vorübergehender Natur, hat sich hartnäckig gehalten. Als Folge unternehmen die politischen Entscheidungsträger nichts dagegen, dass der Markt Zinserhöhungen einpreist. Indem sie eine abwartende Haltung einnehmen, können sie flexibel reagieren, sollte das Wachstum enttäuschend ausfallen oder sich die Inflation abschwächen. Diese Haltung hat auch die realen Zinsen gedrückt. Dennoch müssen die Zentralbanken einen Drahtseilakt vollführen, bei dem sie einerseits ihre Geldpolitik straffen und andererseits den Auswirkungen einer Wachstumsverlangsamung begegnen müssen. Die Gefahr geldpolitischer Fehltritte in den nächsten 12 Monaten hat zugenommen, und dies hat auch Auswirkungen auf die Bewertungen an den europäischen Aktienmärkten.

Lesen Sie hier weiter

 

 

Zurück Ausblick Aktien: Kein „Goldene Zwanziger“-Effekt, aber zu niedrige Gewinnschätzungen
Nächste ETHENEA | Marktkommentar Nr. 1 ∙ Januar 2022 | Indexprognosen – Der Blick in die Glaskugel