Eisenbahn, Dotcom, ESG – Stehen wir vor einer neuen Blase?

Als die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ihren letzten vierteljährlichen Bericht über die Entwicklung des internationalen Bankwesens und der Finanzmärkte veröffentlichte, konnten einige Investoren ihren Augen kaum trauen. Überraschend warnte die „Zentralbank der Welt“ vor dem wachsenden Risiko einer Preisblase auf den Märkten für umweltfreundliche Anlagen.

Es ist erfreulich, dass ein Abschnitt den Trends im Bereich der nachhaltigen Finanzwirtschaft gewidmet ist und das wachsende Interesse an ökologischen, sozialen und Governance-Investitionsansätzen (ESG) auf den globalen Märkten verdeutlicht. Die zunehmende Dringlichkeit, die globale Erwärmung zu begrenzen und andere Probleme wie die soziale Ungleichheit zu bekämpfen, hat dazu geführt, dass umweltbezogene, soziale und Governance-Investitionen (ESG) in den letzten Jahren immer beliebter geworden sind. Dadurch ergibt sich die Frage, ob die vorgelegten Indizien ausreichen, um zu beweisen, dass eine “grüne Blase” zu entstehen droht, die durch die steigende Nachfrage nach als ESG eingestuften Anlageprodukten angetrieben wird.

You could have too much, too quickly of a good thing

Einigen Schätzungen zufolge sind ESG-orientierte Anlagen auf einen Wert von 35 Billionen US-Dollar angestiegen und könnten inzwischen mehr als ein Drittel aller von Banken und Investmentfonds professionell verwalteten Anlagen ausmachen. Bei einer engeren Definition, die nur börsengehandelte Fonds (ETFs) und Investmentfonds mit ESG- oder sozial verantwortlichen Investitionsmandaten (SRI) einschließt, deutet vieles sogar auf ein noch schnelleres Wachstum hin. Dies zeigt sich insbesondere an Vermögenswerten wie Aktien aus den Bereichen saubere Energie und Elektroautos sowie grünen Anleihen, die in den letzten Jahren stark angestiegen sind. So warnt die BIZ, dass es Anzeichen dafür gibt, dass die Bewertungen von ESG-Vermögenswerten überzogen sein könnten. Claudio Borio, der Leiter der Währungs- und Wirtschaftsabteilung, sah darin ein Risiko für eine „grüne Blase” und verwies darauf, dass dieser Anstieg in ETFs und Investmentfonds zum Teil mit der Konstellation für hypothekenbesicherte Wertpapiere im Vorfeld der globalen Finanzkrise vergleichbar sei. „You could have too much, too quickly of a good thing“, sagte Borio. Weiterhin führte er aus, dass sich die Politik der Risiken bewusst sein muss, die solche enormen Verschiebungen in der Anlegernachfrage haben können und zog Vergleiche zum Internetaktienboom der frühen 2000er Jahre und dem Eisenbahnboom in den 1800er Jahren.

Vorsicht vor dem Vertrauensverlust

Ergänzend warnte Borio vor sogenannten „Greenwashing“, bei dem die Umweltvorteile bestimmter Anlagen möglicherweise übertrieben dargestellt werden. Sollte man diese Übertreibungen aufdecken, könnte ein möglicher Vertrauensverlust die Werte einbrechen lassen. Ähnliches gilt für ein „Definitionsrisiko“. So zeigt doch insbesondere die Entscheidung am Anfang dieses Jahres über die Aufnahme der Atomkraft in die EU-Taxonomie, welche unterschiedlichen Interpretationen bereits innerhalb der europäischen Union bestehen und besitzt dadurch enorme Sprengkraft. Es könnte so bei den Marktteilnehmern der Eindruck zurückbleiben, dass es sich hierbei eher um eine politische als evidenzbasierende Entscheidung handelt, was unter nachhaltigen Anlagen verstanden wird.

Nicht systemrelevant

Im Moment dürften jedoch die Bedenken der Regulierungsbehörden durch die Tatsache gemildert werden, dass der Großteil des Engagements in den Aktienmärkten besteht, die tendenziell weniger systemrelevant sind. Die derzeitigen Bestände an ESG-gebundenen Anleihen hingegen machen schätzungsweise nur etwa 1 % der gesamten Anleiheportfolios sowohl von US-Versicherungsgesellschaften als auch von europäischen Banken aus.

ESG ist ein Investmentansatz, keine Anlageklasse

Desweitern verweist die BIZ darauf, dass „ESG-Anlagen“ nicht standardisiert sind, was zu Schwierigkeiten bei ihrer Klassifizierung und der Bestimmung der genauen Größe des Marktes führt. Der entscheidende Punkt hierbei ist aber, dass es „ESG-Anlagen“ als solche gar nicht gibt. Vielmehr umfasst der Begriff ESG eine Vielzahl von Prozessen bei denen Umwelt-, Sozial- und Unternehmens­führungsaspekte berücksichtigt und in unterschiedlichem Maße in den Anlageprozess integriert werden. Deshalb gibt es eine lebhafte Debatte darüber, welche Strategie bei der Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei Investitionsentscheidungen am effektivsten ist. Es besteht jedoch ein breiter Konsens darüber, dass ESG-Faktoren in verschiedenen Anlageklassen wie Aktien, Anleihen, Immobilien und alternativen Anlagen (VC, Private Equity und Hedgefonds) eine Rolle spielen können. Die logische Schlussfolgerung ist, dass es „ESG-Vermögenswerte“ als solche nicht gibt. Vermögenswerte in ESG-Investmentfonds decken dieselben Anlageklassen ab wie Nicht-ESG-Fonds und können sogar dieselben Wertpapiere beinhalten. Ironischerweise ist dies einer der häufigsten Kritikpunkte an ESG-Investitionen. Daher ist der Vergleich mit Vermögenswerten, die mit grundlegenden wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen verbunden sind, wie Eisenbahnaktien im 19. Jahrhundert, Tech-Aktien in der Dotcom-Blase 2001 und Mortgage-Backed Securities (MBS) in der Krise von 2008, konzeptionell falsch. In jeder dieser Krisen lösten sich die Bewertungen einer bestimmten Art von Vermögenswerten zunehmend von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten, weil die Anleger auf den Aufschwung der Eisenbahn, die Versprechungen des Internets oder die Aussichten des US-Immobilienmarktes hofften.

Korrelation ist nicht Kausalität

Theoretisch ist es möglich, dass eine zunehmende Akzeptanz von ESG-Anlagestrategien durch einen immer größeren Teil des Marktes dazu führen könnte, dass bestimmte Marktsegmente wie saubere Energie, Elektrofahrzeuge oder kohlenstoffneutrales Bauen überbewertet werden. Ein Anstieg der verwalteten ESG-Vermögenswerte (AuM) ist jedoch kein Vorbote einer grünen Vermögensblase, sondern lediglich ein Hinweis auf die zunehmende Verbreitung von ESG-Ansätzen. Anzeichen für angespannte Bewertungen könnten mit einem Wachstum der ESG-AuM verbunden sein oder auch nicht – Korrelation ist nicht Kausalität. Auch der Verweis auf überzogene Bewertungen von bestimmten Marktsegmenten hält einer näheren Betrachtung kaum stand. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die höheren KGV-Bewertungen von Unternehmen, beispielsweise aus dem Bereich der sauberen Energien, ausschließlich oder sogar größtenteils auf ESG-bezogene Anlagestrategien zurückzuführen sind, sondern eher aufgrund besserer Wachstumsprognosen in einem Kontext stehen, in dem viele Regierungen Netto-Null-Verpflichtungen eingehen, die ehrgeizige Pläne erfordern. Diese Erwartung wird von vielen Anlegern geteilt und ist nicht auf ESG-Anleger beschränkt.

Chancen sehen – Risiken erkennen

Trotz schwacher Argumente sollten Anleger zumindest den Autoren der BIZ-Studie insofern folgen, nicht nur die Vorteile der Finanzierung hin zu einer besseren Welt zu sehen, sondern auch die finanziellen Risiken zu identifizieren und zu managen, die sich aus einer Verschiebung im Portfolio der Investoren ergeben könnten.

 

Sie haben Fragen zur umfassenden, aber gleichzeitig pragmatischen Integration von Nachhaltigkeit in Ihre Unternehmens- oder Kapitalanlagestrategie? Sprechen Sie uns gerne an.

 

 

Zurück WIR HABEN SIE: DIE GLASKUGEL!
Nächste Dekarbonisierung – gut für Klima und Investoren