Gesundheitsaktien: Ins Geschäft, nicht in die Wissenschaft investieren

Aktien aus dem Gesundheitssektor dienten als starke Schmerzmittel während der Korrekturen im vergangenen Jahr. Doch der Sektor bietet viel mehr als nur einen Abwärtsschutz für Anleger, solange man sich auf das Geschäftspotenzial konzentriert und dem Drang widersteht, wissenschaftliche Durchbrüche vorherzusagen.

Während der MSCI World Index im vergangenen Jahr um 8,7 % fiel (auf USD-Basis), legten Gesundheitsaktien um 4,8 % zu. Aber dieser Sektor kann mehr als nur defensive Aufgaben übernehmen. Pharmakonzerne, Gerätehersteller und Gesundheitsdienstleister profitieren von großen, potenziell ertragreichen Trends.

Drei große Trends

Drei Kräfte dominieren den Wandel im Gesundheitswesen: Innovation, Preisstrukturen und Politik. Diese Kräfte wirken jedoch oft gegenläufig und erschweren die Investitionsaussichten für ein Produkt oder Unternehmen. Werden die Menschen für eine revolutionäre Behandlung mehr bezahlen, wenn die Versicherung die Kosten nicht übernimmt? Ist es wahrscheinlich, dass eine Regierung sinnvolle Subventionen für eine neue Diagnosetechnologie bereitstellen wird? Sind die aktuellen Preise langfristig nachhaltig? Fragen und Antworten variieren zudem von Land zu Land.

Trotz dieser Herausforderungen glauben wir, dass Anleger solide Quellen für Anlageerträge finden können. Der erste Schritt ist, einen häufigen Irrtum zu vermeiden: Machen Sie keine Vorhersagen über Arzneimittelstudien, das gelingt selbst den besten Wissenschaftlern nicht. Entwickeln Sie stattdessen ein klares Bild davon, wie sich Innovation, Preisgestaltung und politische Dynamik auf Profitabilität und Wachstum eines Unternehmens auswirken könnten.

Medizinische Innovation

Wissenschaftliche Innovationen sind seit Jahrzehnten die Grundlage für den Fortschritt im Gesundheitswesen. Doch in vielerlei Hinsicht befindet sich die technologische Revolution im Gesundheitswesen noch im Anfangsstadium. Obwohl beispielsweise die Verwendung großer Datenmengen in der pharmazeutischen Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt, wird sie langfristig wahrscheinlich zu einer erheblichen Verbesserung von Arzneimittelstudien führen.

Neue Entwicklungen werden sich in vielen Bereichen auswirken. Die Robotik verändert bereits die chirurgischen Verfahren. Die Behandlung von Alzheimer und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird die physischen und wirtschaftlichen Kosten des demografischen Wandels bremsen. Die Entwicklung von Lösungen für uralte Probleme von Erkältung bis Krebs ist nur eine Frage der Zeit.

Preisproblematik

Dennoch sind Innovationen nicht immer wirtschaftlich sinnvoll. Das Verständnis von effektiver Preisfindung ist entscheidend für die Beurteilung des Ertragspotenzials eines Unternehmens.

Innovation und Preisgestaltung haben im Gesundheitswesen ein seltsames Verhältnis. In der Technologie ist es bekannt, dass Innovationen zu Leistungssteigerungen führen und die Kosten exponentiell senken. Die IBM-Großrechner, die in den 1960er-Jahren die NASA-Raumsonde Apollo betrieben, verfügten über einen Bruchteil der Speicher- und Verarbeitungskapazität eines iPhones. Im Gesundheitswesen geschieht jedoch das Gegenteil: Innovation führt tendenziell zu steigenden Preisen (Abbildung, links). Zum Beispiel kostete eine Chemotherapiebehandlung vor 20 Jahren etwa 200 US-Dollar pro Monat, und der Erfolg war begrenzt. Heute können einige Chemotherapiebehandlungen Krebs mit weniger Nebenwirkungen heilen, kosten jedoch 100.000 US-Dollar.

Oft muss man hinterfragen, ob die Preise realistisch sind. So ist beispielsweise Mylans Autoinjektor EpiPen ein beliebtes Produkt, das bei extremen allergischen Reaktionen den Tod verhindern kann. Der Preis hat sich jedoch seit Mai 2007 mehr als versechsfacht (Abbildung, oben rechts). Ist das nachhaltig? Hochpreisige Produkte könnten sich als Achillesferse eines Unternehmens erweisen, wenn der Preis durch Marktdynamik oder politische Entscheidungen nach unten gedrückt wird.

Einfluss der Politik

Die Gesundheitspolitik in den wichtigen Märkten ist mitentscheidend für den Unternehmenserfolg. Die Gesundheitsausgaben pro Kopf sind sehr unterschiedlich, und die gebotene Qualität spiegelt nicht immer den gezahlten Preis wider. So geben die USA beispielsweise mehr für die Gesundheitsversorgung aus als fast jedes andere Land der Welt, aber die Qualität der angebotenen Gesundheitsversorgung ist niedriger als in Großbritannien und Deutschland (Abbildung).

Weltweit spüren die Gesundheitssysteme die Belastung durch steigende Kosten. Gleichzeitig steigt die Nachfrage aus den Schwellenländern, und die Ausgaben dürften im Zuge der Bemühungen zur Verbesserung der Qualität der dortigen Gesundheitsversorgung steigen. Diese Trends werden die Preisdynamik des Gesundheitssektors neu definieren.

Seien Sie hingegen vorsichtig bei Unternehmen, die Ertragssteigerungen auf Kosten der Profitabilität verfolgen. Auch hochakquisitorische Unternehmen sollten genau unter die Lupe genommen werden. Und Unternehmen, die auf einen einzigen erfolgreichen Medikamententest angewiesen sind, um das zukünftige Wachstum voranzutreiben, sollten aus unserer Sicht mit äußerster Vorsicht behandelt werden.

Intuitive Surgical ist ein gutes Beispiel für ein Unternehmen, das nach unseren Kriterien hoch bewertet wird. Das Unternehmen ist führend in der Medizinrobotik und verfügt über bewährte Technologien in einer Branche mit hohen Eintrittsbarrieren für Wettbewerber. Die weltweite Akzeptanz der Roboterchirurgie nimmt stetig zu. Und Intuitive Surgical verfügt über die finanziellen Mittel, um seine Expansion in neue, lukrative Bereiche wie die natürliche Öffnungschirurgie selbst zu finanzieren.

Im Gegensatz dazu sind wir der Meinung, dass Arzneimittelvertriebe und Krankenhäuser oft problematisch sind. Die Preismodelle der Pharmavertriebe basieren auf dem Warenwert, anstatt wie sonst üblich auf Größe, Gewicht und Entfernung. Auch die Krankenhäuser stehen unter Druck, da viele neue Behandlungen ambulant möglich sind.

Effektive Investments in Gesundheitsaktien erfordern sehr spezifische Fähigkeiten. Man benötigt weniger wissenschaftliche Einblicke als vielmehr einen disziplinierten Anlageprozess, der die verschiedenen Einflussfaktoren der Branche integriert, um das langfristige Ertragspotenzial zu heben.

Vinay Thapar ist Portfoliomanager und Senior Research Analyst – US Growth Equities and International Healthcare Portfolio bei AllianceBernstein (AB)


Die hier geäußerten Einschätzungen und Meinungen sind weder Analysen noch dienen sie als Investmentberatung oder Anlageempfehlung. Sie geben nicht notwendigerweise die Ansichten aller Portfoliomanagementteams von AB wieder.

Zurück Greiffbar - Investments zum Anfassen
Nächste Europa-Bankenanleihen: Der Winter naht – aber es dauert noch eine Weile