4. Mai 2020 369 Views

Wie hart wird das Coronavirus die US-Konjunktur treffen?

Die US-Arbeitsmarktdaten der vergangenen Woche deuten darauf hin, dass die durch das Coronavirus verursachten Einschränkungen der US-Wirtschaft einen schweren Schlag versetzt haben. Wir waren bislang von einem 7,5%igen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im ersten Halbjahr 2020 ausgegangen, aber auf Basis dieser Daten erscheint das nun zu optimistisch.

Wir gehen jetzt davon aus, dass der Schock mindestens 10 % bis 12 % ausmachen wird. Die anstehenden weiteren Daten zum Arbeitsmarkt und den Staatsausgaben werden uns helfen, die Schätzung zu verfeinern, aber ein Schock dieses Ausmaßes würde unsere BIP-Prognose für 2020 nach unten drücken. Natürlich gehen wir davon aus, dass sich diese Prognose im Laufe des Jahres wiederholt ändern wird, wenn Informationen über die Struktur einer möglichen Erholung eintrudeln.

Das konjunkturelle Bild in den USA wird klarer

Es gibt drei große Fragen zu den wirtschaftlichen Aussichten für dieses Jahr: Wie tiefgreifend wird die Rezession sein? Wann wird die Erholung beginnen? Wie wird sie aussehen? Der Aspekt der Erholung ist immer noch ein Rätsel, da er der Entwicklung der COVID-19-Pandemie und den Reaktionen des amerikanischen Gesundheitswesens unterliegt. Doch zumindest erhalten wir allmählich einige Informationen, die uns helfen werden zu verstehen, wie viel wirtschaftliche Aktivität verloren gegangen ist.

Der beste hochfrequente Datenpunkt, den wir im Moment haben, sind die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung. Wir können sie als groben Näherungswert für die Zahl der Arbeitsplatzverluste verwenden. In den letzten vier Wochen haben mehr als 22 Millionen Arbeitnehmer Anträge gestellt – und infolge von Verzögerungen und Rückständen ist die tatsächliche Zahl der verlorenen Arbeitsplätze mit ziemlicher Sicherheit höher. Angesichts weiterer Entlassungen scheinen 25 bis 30 Millionen eine vernünftige Schätzung zu sein.

Die Arbeitslosenquote könnte auf bis zu 20 % ansteigen

Um diese Zahl prozentual auszudrücken, waren Ende Februar etwas weniger als 152 Millionen Menschen in den USA beschäftigt. Ein Nettoverlust von 25 bis 30 Millionen Arbeitsplätzen würde in nur sechs Wochen zu einem Verlust von 15 % bis 20 % der gesamten Erwerbsbevölkerung führen. Diesen Wert als beispiellos zu bezeichnen, ist keineswegs übertrieben (Abbildung); im Vergleich dazu sieht die Globale Finanzkrise (GFK) wie ein Rundungsfehler aus.

Anhand der vorliegenden Arbeitslosenanträge können wir die Arbeitslosenquote schätzen. Als simple Rechenaufgabe kann man sagen, dass bei einer Entlassung von 15 % bis 20 % der Arbeitskräfte und einer Anfangsarbeitslosigkeit von 4,4 % die derzeitige Arbeitslosenquote bei etwa 20 % liegt. Die offizielle Arbeitslosenquote (die Anfang Mai bekannt gegeben wird) wird wahrscheinlich niedriger sein – um als arbeitslos gezählt zu werden, müssen die Menschen auf Arbeitssuche sein, was eine Herausforderung während eines Wirtschaftsabschwungs ist. Die offizielle Quote wird jedoch mit Sicherheit weit über 10 % liegen, wahrscheinlich irgendwo zwischen 15 % und 20 %.

Erste grobe Schätzung des US-BIP

Mithilfe der Arbeitslosenquote können wir zu einer groben BIP-Schätzung gelangen. Auf dem Höhepunkt der GFK stieg die Arbeitslosenquote im Jahresvergleich um vier Prozentpunkte an, was mit einem Rückgang des BIP um 4 % im Jahresvergleich zusammentraf. Die aktuelle Krise ist nicht direkt mit der GFK vergleichbar – aufgrund des plötzlichen Aktivitätsstopps und des viel schnelleren Anstiegs der Arbeitslosigkeit –, aber wir können sie als Ausgangspunkt für die Schätzung des BIP verwenden.

Nehmen wir an, die Arbeitslosigkeit liegt am Ende des zweiten Quartals bei 15 % – ein Anstieg von 11,3 % in 12 Monaten. Wenn die Korrelation zu 2008/2009 anhält, würde sich diese Arbeitslosenquote im Jahresvergleich in einer Schrumpfung des BIP um etwa 11 % niederschlagen, das bedeutet einen Rückgang um 13 % gegenüber dem Höchststand Ende letzten Jahres. Wenn die tatsächliche Arbeitslosigkeit eher bei 20 % liegt, würden wir einen Rückgang des BIP vom Höchststand bis zum Tiefststand von 18 % erwarten.

Auf der Grundlage dieser Analyse und angesichts unserer anfänglichen Schätzung einer Schrumpfung des BIP um 7,5 % scheint es sicher zu sein, dass die wirtschaftlichen Risiken zu diesem Zeitpunkt eindeutig auf der Negativseite fokussiert sind – und dass die gesamte Schrumpfung des BIP mehr als 7,5 % betragen wird.

Bedenken Sie die Unsicherheiten im Zusammenhang mit dieser BIP-Schätzung. Zum einen wissen wir nicht, wie lange der Anstieg der Arbeitslosigkeit anhalten wird. Wir befinden uns gerade erst im zweiten Quartal, und es ist sehr gut möglich, dass einige Arbeitsuchende vor Ende Juni wieder im Einsatz sein werden. Zum anderen ist das Verhältnis Arbeitslosigkeit/BIP nicht konstant, vor allem angesichts der beispiellosen Art dieses Schocks.

Positiv zu vermerken ist, dass die rasche Reaktion der amerikanischen Finanzpolitik darauf hindeutet, dass die Staatsausgaben einen Teil des fehlenden BIP ausgleichen werden. Wenn die Haushalte Zugang zu höheren – und sogar verlängerten – Arbeitslosenleistungen haben, dürfte das die Auswirkungen bis zu einem gewissen Grad abschwächen.

Eine stärkere BIP-Schrumpfung und ein unvollständiges Erholungs-Bild

Dennoch gehen wir davon aus, dass wir mit unseren revidierten BIP-Prognosen am Ende des Monats einen größeren Schätzwert für den kurzfristigen Schock veröffentlichen werden. Etwas in der Größenordnung von 10 % bis 12 % erscheint heute vernünftig.

Wir erwarten eine mögliche Erholung, sobald sich die Lage der öffentlichen Gesundheit in den USA entspannt, aber wir verfügen noch nicht über die Informationen, die wir benötigen, um neue Annahmen darüber treffen zu können. Folglich ist es noch zu früh, um diesen Teil der BIP-Prognose zu aktualisieren.

Die Kombination aus einer stärkeren Verlangsamung und unzureichenden Daten zur Aktualisierung der Erholung wird unsere US-BIP-Prognose auf etwa –5 % für das Gesamtjahr nach unten drücken. Wir hoffen natürlich, dass in den nächsten Monaten eine robuste Erholung einsetzen wird und dass die nächste Anpassung unserer Prognose nach oben erfolgt. Doch auf der Grundlage der heute verfügbaren Informationen ist es noch zu früh, um zuversichtlich zu sein, dass das der Fall sein wird.

Eric Winograd ist Senior Economist bei AllianceBernstein (AB).

In diesem Dokument zum Ausdruck gebrachte Meinungen stellen keine Analysen, Anlageberatungen oder Handelsempfehlungen dar, spiegeln nicht unbedingt die Ansichten aller Portfoliomanagementteams bei AB wider und können von Zeit zu Zeit überarbeitet werden.

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