Die Zentralbanken zeigen Einsatz – Aber wofür?

Sowohl die globalen Börsen als auch die weltweiten Anleihenmärkte verzeichneten im Juni eine kräftige Erholung. Dafür  waren in erster Linie die Aussagen der Zentralbanken verantwortlich, insbesondere der EZB und der Fed, die beide eine moderatere Haltung einnahmen. Vorübergehend wurden die Märkte zudem durch gute Nachrichten von der Handelsfront gestützt. Die USA und China hatten am Rande des G20-Gipfels ihre Absicht verkündet, wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

  • Aussicht auf weitere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen
  • Die Aktienmärkte erholen sich von den hohen Verlusten im Mai
  • Anleihen und Öl im Aufschwung

Investoren im Bann der Zentralbanken 

Auch wenn sich Mario Draghi nicht ganz so resolut äußerte wie im Juli 2012, als er klargemacht hatte, dass man zur Rettung des Euro alles tun werde, „was immer erforderlich ist“, fand er im Juni ähnlich deutliche Worte. So ließ er am 18. Juni wissen, die EZB werde die ihr zur Verfügung stehende Flexibilität „voll nutzen, um ihr Mandat zu erfüllen“. Die Aussage wurde von den Marktbeobachtern als Zusage neuer geldpolitischer Lockerungsmaßnahmen interpretiert. Nur einen Tag später folgte auch die US-Notenbank (Fed) dem Beispiel der EZB, sodass die wichtigsten Leitindizes dies- und jenseits des Atlantiks zu einer Erholungsrally ansetzten, in der sie die hohen Verluste vom Mai fast wettmachten.

Ebenfalls gestützt wurden die Märkte Anfang Juni durch positive Entwicklungen an der Handelsfront, nachdem US-Präsident Trump aufgrund der Einigung im Streit um illegale Einwanderung die Einführung neuer Zölle auf mexikanische Importe vorerst auf Eis gelegt hatte. Zudem gaben China und die USA ihre Absicht bekannt, die Handelsgespräche am Rande des G20-Gipfels in Osaka wieder aufzunehmen. Dies bekräftigte Donald Trump am 18. Juni, indem er twitterte, er habe ein „gutes Telefonat“ mit Präsident Xi geführt – was von chinesischer Seite bestätigt wurde. Dennoch blieben die Aussagen beider Seiten bis zum Treffen eher vage.

Derweil sorgten die zunehmenden Spannungen in der Golfregion für Nervosität an den Finanzmärkten, nachdem der Iran eine US-Drohne abgeschossen und US-Präsident Trump mit einem Militärschlag gedroht hatte.Er brach diesen jedoch im letzten Moment ab, und kündigte stattdessen neue Finanzsanktionen gegen das Land an. Wie immer bei geopolitischen Spannungen in dieser Region schoss der Ölpreis daraufhin in die Höhe, da die Straße von Hormus ein wichtiger Knotenpunkt für Öl aus Saudi-Arabien ist. So kletterte die WTI-Notierung bis Ende Juni von etwa 50 Dollar um 9,3% auf 58,5 Dollar je Barrel. Dabei war der starke Anstieg unter anderem auch darauf zurückzuführen, dass der Ölpreis Ende Mai nachgegeben hatte Es war unklar, ob die OPEC und ihre Partner die Fördermengen weiter drosseln werden.

Ein Blick auf das Wirtschaftsumfeld zeigt indes, dass sich die Indikatoren in den letzten Wochen nicht wirklich verschlechtert haben, überzeugende Anzeichen für eine Verbesserung jedoch immer noch fehlen. So verzeichneten die OECD-Länder im ersten Quartal ein BIP-Wachstum von 0,6% (nach 0,3% im vierten Quartal 2018), mit einer anhaltend stabilen Inlandsnachfrage in den meisten großen Volkswirtschaften. Dennoch standen die Sorgen um das globale Wachstum nach wie vor im Fokus der Anleger – und offenbar auch der Währungshüter.

Abbildung 1: Allgemeine Erholung der Aktienmärkte im Juni

Die Anleger konzentrieren sich wieder auf zyklische Sektoren

Trotz einer recht zögerlichen Entwicklung gegen Monatsende schlossen die globalen Aktienmärkte den Juni weitgehend positiv ab, mit einem Anstieg im MSCI AC World Index um 6,4% und im MSCI Emerging Index um 5,7% (jeweils auf Dollarbasis). Damit erzielten die beiden Indizes im bisherigen Jahresverlauf Zugewinne von 14,9% bzw. 9,2%.

An den Märkten der Industrieländer verbuchten US-Aktien die besten Ergebnisse, wobei der S&P 500 am 20. Juni vorübergehend einen historischen Höchststand erreichte und den Monat mit einem Plus von 6,9% beendete. Die japanische Börse entwickelte sich mit einem Anstieg im Nikkei 225 von lediglich 3,3% hingegen unterdurchschnittlich, was vor allem dem starken Yen zuzuschreiben war. Die Währung erreichte den höchsten Stand seit April 2018, da sich die Notenbank (BoJ) insgesamt weniger moderat zeigte als die Fed.

Der Leitindex der Eurozone (Eurostoxx 50) legte um 5,9% zu, obwohl Bankentitel der Region aufgrund der Aussicht auf eine längere Niedrigzinsphase (mit womöglich weiter sinkenden Zinsen) erneut unter Druck gerieten und nur moderate Zugewinne verzeichneten. Stark zyklisch ausgerichtete Sektoren, insbesondere dem Produktionsprozess vorgelagerte Bereiche, erzielten indes sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks eine Outperformance.

Abbildung 2: Die Rendite der deutschen Bundesanleihen rutscht ins Minus

Die positive Entwicklung bei Anleihen war an sämtlichen Märkten zu beobachten. So sank die Rendite der zehnjährigen französischen Staatsanleihen (OAT) knapp unter 0%. Die der sechs- und zehnjährigen spanischen Staatsanleihen sank in den negativen Bereich bzw. auf 0,40% (-32 Basispunkte gegenüber Ende Mai). Die der zehnjährigen italienischen Staatsanleihen sank um 57 Basispunkte auf 2,10% und somit auf den niedrigsten Stand seit Mitte Mai 2018.

Dabei war vor allem die bemerkenswerte Entwicklung in Italien überraschend, da sich die Beziehungen zwischen der italienischen Regierung und der Europäischen Kommission alles andere als entspannt haben. Die Europäische Kommission gab Anfang Juni bekannt, dass sie ein Defizitverfahren gegen Italien für „gerechtfertigt“ hält, während der italienische Ratspräsident Giuseppe Conte gegenüber den Staats- und Regierungschefs der EU zusicherte, das strukturelle Haushaltsdefizit im Jahr 2020 zu senken. Gleichzeitig sprach er sich allerdings für Steuersenkungen aus. Auch die Ausgabe von MiniBOTs (die einer Anerkennung der italienischen Staatsverschuldung gleichkäme und theoretisch eine zum Euro parallele Währung darstellen könnte) rückte erneut in den Vordergrund. Die italienische Regierung signalisierte jedoch Kooperationsbereitschaft und gab zu erkennen, dass sie eine Eskalation der Situation vermeiden will. Indes könnte der Ecofin-Rat am 9. Juli über die Eröffnung des Defizitverfahrens gegen Italien entscheiden. Die Tatsache, dass die Anleger von einer Verschiebung dieser Entscheidung bis zum Herbst ausgehen, könnte für die positive Entwicklung an den italienischen Anleihenmärkten im Juni mit verantwortlich sein.

Welche Entwicklungen sind in der zweiten Jahreshälfte zu erwarten?

Die Finanzmärkte verhielten sich im Juni in vielerlei Hinsicht ähnlich wie im Januar, mit einem starken Anstieg der Anleihenkurse und einem Rückgang der Langfristzinsen. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war in beiden Monaten die moderatere Haltung der Fed und der EZB.

Das wirtschaftliche Umfeld hat sich zwar nicht weiter verschlechtert, jedoch fehlen nach wie vor klare Anzeichen für eine Erholung. Daher scheint ein Szenario mit einem moderateren Wachstum wahrscheinlich. Die Anhebung der Zölle im vergangenen Jahr scheint den Welthandel bislang zwar belastet, jedoch nicht gänzlich vom Kurs abgebracht zu haben.

Nach wie vor liegt das Augenmerk der Anleger auf den internationalen Handelsspannungen, vor allem auf den Aussagen aus Washington und Peking. Wir glauben, dass die beiden Großmächte ihre rhetorischen Muskelspiele noch eine Weile fortsetzen werden. Dennoch ließen die Fortschritte, die am Rande des G20-Gipfels erzielt wurden, zumindest kurzfristig Hoffnung aufkommen. Das Damoklesschwert des Handelsstreits und die daraus resultierende Gefahr für das globale Wachstum hängt jedoch nach wie vor über den Märkten. Zugleich haben auch die geopolitischen Risiken aufgrund der Konflikte in der Golfregion zuletzt zugenommen

Die steigenden Risiken haben die großen Zentralbanken veranlasst, ihren vorsichtigen Kurs zu bekräftigen, zumal auch die Inflationserwartungen nach wie vor sehr niedrig sind. So haben sich die Fed und die EZB praktisch verpflichtet, neue geldpolitische Lockerungsmaßnahmen zu ergreifen, also die Leitzinsen zu senken oder erneut Assets aufzukaufen, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Die Anleger freut das. Denn damit bleibt die günstige Situation mit einem moderaten Wachstum bei zugleich niedrigen Inflationsraten und Zinsen noch eine Weile erhalten. Allerdings erscheint ein solches Umfeld doch recht künstlich. Zudem entsteht der Eindruck, dass die Währungshüter die Liquiditätsspritzen, die sie dem Markt seit zehn Jahren zuführen, nun dauerhaft verabreichen wollen. Zumindest an den Finanzmärkten haben die Zentralbanken damit vorerst zwar für gute Stimmung gesorgt. Die Anleger blicken allerdings schon wieder in eine andere Richtung und legen den Fokus darauf, wie sich die Weltwirtschaft nach dem Sommer weiterentwickelt. Und diese Sorge wird nicht so einfach aufzulösen sein, wenn positive Wirtschaftsmeldungen ausbleiben.


Nathalie Benatia, Macroeconomic Content Manager bei BNP Paribas Asset Management

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