19. Mai 2016 1516 Views

Europa auf dem Weg der Besserung

Der europäische Patient befindet sich auf Erholungskurs, was durch sich verbessernde Fundamentaldaten unterstützt wird. Dennoch bleibt sein Zustand fragil, verwundbar und unstetig, um es mit den Worten von Dr. Draghi zu sagen, der schon lange mit diesem Fall betraut ist.

Der europäische Patient war, wie die USA vor rund einem Jahrzehnt, von der Krankheit der globalen Finanzkrise betroffen. Später litt er noch unter der Ausprägung staatlicher Beschwerden, die als Eurokrise oder auch unter dem Begriff der politischen Dyspraxie bekannt ist, einer Krankheit, die durch die Unfähigkeit der Ko¬ordinierug von Tätigkeiten gekennzeichnet ist.

Als Behandlung für beide Krankheiten senkte die EZB die Zinsen und startete ein quantitatives Lockerungsprogramm. Trotz der Doppelerkrankung wurde die Behandlung aber erst spät eingeleitet, was teilweise erklärt, warum die Arbeitsmärkte noch immer recht weit von ihrem Gleichgewicht entfernt sind. Gemäß den Kennzahlen ist die europäische Volkswirtschaft also nicht so gesund wie die der USA. Sie alle befinden sich aber auf dem Weg der Besserung und es besteht weiteres Gesundungspotenzial. Den Frühindikatoren zufolge wird die Erholung des BIP-Wachstums allerdings nicht weiter an Fahrt aufnehmen.

Schaut man sich nun das Wachstum etwas genauer an ist festzustellen, dass die europäische Erholung 2013 nach der Eurokrise startete und im Vergleich zu den USA moderat ausfiel. Das Wachstum betrug annualisiert 1,1 % pro Quartal und entspricht damit etwa der Hälfte des US-Wertes. Während die Nettoexporte praktisch keinen Beitrag zum BIP-Wachstum leisteten, steuerte der Privatkonsum als größter und stabilster Wachstumsträger 0,5 %, die Investitionen 0,3 % und die Staatsausgaben 0,3 % bei. Trotz des schwachen Euro belasteten die Nettoexporte in den letzten Quartalen das Wachstum. Beim Konsum wiederum liefern die Frühindikatoren gemischte Signale. Einerseits hat die Anzahl neu geschaffener Arbeitsplätze in der Eurozone weiter zugenommen, andererseits verschlechterte sich das Verbrauchervertrauen europaweit, was zu einem verhaltenen Konsumwachstum geführt hat. Die Investitionen blieben in Europa überraschend beständig, was insbesondere für Ausrüstung und Transport gilt. Kredite an den Nicht- Finanzsektor verbesserten sich im März sogar etwas und deuten auf ein Anhalten der Investitionserholung hin.

Insgesamt scheint sich der europäische Patient auf dem Weg der Besserung zu befinden und stellt gegenwärtig trotz seines noch immer anfälligen Gesundheitszustands keinen großen Grund zur Sorge dar. Der größte Risikofaktor für den Pati¬enten bleibt die staatliche Dyspraxie, die in den kommenden Monaten jederzeit aufflammen kann. Brexit, Grexit und die anstehenden spanischen Parlamentswahlen sind nur einige der Faktoren, die eine neue Krise auslösen könnten.

Autor: Yves Longchamp, Head of Research bei ETHENEA Independent Investors (Schweiz) AG

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