BÖRSENBLATT Nr. 131 | Karamasows Teufel – 10 Jahre nach der Lehman-Pleite

Iwan Karamasow hat in der Nacht vor dem Mordprozess gegen seinen Bruder einen Traum (oder eine Halluzination), in welchem ihm der Teufel erscheint, mitten in seinem Wohnzimmer, an der Wand gegenüber dem Divan. Bei Dostojewskij – der die Geschichte der Brüder Karamasow aufgeschrieben hat – ist der Gottseibeiuns „ein russischer Gentleman einer gewissen Sorte, nicht mehr ganz jung, … mit dunklem, grau meliertem, langem, noch dichtem Haar und Spitzbärtchen“, gekleidet in einen Anzug, der in die Jahre gekommen ist, wie ihn „ein vermögender Mann von Welt schon seit zwei Jahren nicht mehr angezogen hätte“, dem der Kenner aber gleichwohl ansieht, dass er einmal bei einem teuren Schneider angefertigt wurde. Er sieht aus wie jemand, der zur „Kategorie der früheren arbeitsscheuen Gutsbesitzer gehörte, … [der] die große Welt und die bessere Gesellschaft gekannt und einst bedeutende Konnexionen unterhalten hatte, [… der nun] verarmt war und sich nach und nach in eine Art Schmarotzer, allerdings der feinsten Sorte verwandelt hatte, …“Dostojewskij, Die Brüder Karamasow, S. Fischer 2010, S. 1011f.

Iwan Karamasow und sein ungebetener Gast philosophieren nun über den Stellenwert der Tugend und der Idee Gottes, über den Zustand der Gesellschaft, die Realität von Erscheinungen, die Grenzen des Erlaubten usw. Im Lauf dieses langen Gesprächs gibt der „gefallene Engel“ seinen Daseinsgrund an: Gott mag der erste Beweger schlechthin sein, aber der konkrete Anlass, warum in der Welt überhaupt etwas geschieht und damit, in gewissem Sinne, existiert, ist immer der Teufel. „Liefe auf Erden alles vernünftig ab, würde auch nichts passieren. Ohne [ihn] wird nichts passieren, aber es ist notwendig, dass etwas passiert.“ (S. 1023) Sein Bewegungsprinzip ist gerade die Unvernunft. Durch sie geraten die menschlichen Angelegenheiten erst in einen spannenden, unberechenbaren Zustand – und damit überhaupt in Bewegung. Ohne einen gewissen Irrsinn würde „alles in der Welt erlöschen und nichts, gar nichts mehr passieren.“ (S. 1032) Die Zeitläufte würden erstarren, niemals wäre etwas anders, neu; alles wäre immer nur eine automatische Entwicklung nach den Gesetzen der Logik. Die menschlichen Verhältnisse würden sich dann gleich den Sternen bewegen, ewig, rein und immergleich, ohne die Möglichkeit von Schuld und Vergebung, ohne Freiheit und am Ende auch ohne Sinn.

Das Hervorbrechen von ungezügelter Emotion, wie es bei den Brüdern Karamasow zur Natur gehört, ist ein manchmal ruinöser, manchmal kreativer Charakterzug, den Dostojewskij in allen Einzelheiten schildert. Im Fall der Karamasows ist er destruktiv: Wenn die Brüder keinen Boden im Glauben finden, treibt Ihre Haltlosigkeit sie in den Wahnsinn oder ins Zuchthaus. In der Ökonomie kennen wir diesen Impuls aber positiv auch als „Animal Spirit“ oder „Unternehmergeist“, der zwar Unordnung bringt, aber auch Wachstum und Innovation. Bei Dostojewskij kann allein der Glaube den Teufel in die Schranken weisen, Sinn und Orientierung über den Tag hinausgeben. Der Mensch braucht ein Fundament, um nicht auf die nur scheinbar einfachen Lösungen, die ihm die Leidenschaft oder das Vernünfteln nahelegen, hereinzufallen. Er braucht den Glauben an eine höhere Instanz – sei es die Religion oder die Wissenschaft oder die Gesellschaft (vertreten durch den Staat) – denn die Stimme des Guten, Wahren und Schönen in ihm ist oft zu leise, um gegen die Verlockungen der Unvernunft zu bestehen.

Arbeitete bis 2008 bei Lehman Brothers

Oberstes Ziel des Teufels muss es daher sein, die ordnenden Instanzen zu diskreditieren und so der Unvernunft Bahn zu brechen.

Wie dies auf ökonomischem Gebiet funktioniert, hat er vor 10 Jahren beim Zusammenbruch von Lehman Brothers eindrücklich gezeigt.

Oberflächlich betrachtet war beim Ausbruch der Finanzkrise in der zweiten Hälfte des Jahres 2007 keine unerklärliche Instanz am Werk. Alle Rückblicke, die in diesen Tagen erscheinen, machen eines klar: Die Ursachen der Katastrophe waren einfach bis zur Trivialität. Es wurden zu viele Kredite an zu schlechte Schuldner vergeben, wodurch das Vertrauen in die Banken verschwand – und damit ihre Geschäftsgrundlage. Die Entwicklung neuer Techniken im Umgang mit Immobilienkrediten ermöglichte es den ursprünglichen Kreditgebern (z.B. regionalen Banken), diese Kredite weiterzureichen an Investoren, die keinen blassen Schimmer hatten, wem sie auf diese Weise ihr Geld liehen. Der Kredit floss nun immer leichter, denn die Qualität der Kreditnehmer war den letztlichen Kreditgebern nicht bekannt. Für sie waren diese nur Punkte auf der Bilanz, keine Menschen, denen man von weitem ansehen konnte, dass sie ihre Kredite niemals zurückzahlen würden. Aber diejenigen, die das sehen konnten und durchaus auch sahen, behielten die Kredite ja nicht auf den eigenen Büchern, und so war es ihnen im Grunde egal, ob die Kredite bedient wurden oder nicht.

Faul waren insbesondere amerikanische Immobilienkredite. Da die USA das Zentrum der Finanzwelt waren, tauchten diese in ihren neuen Verpackungen auf der ganzen Welt wieder auf, etwa in den Bilanzen von Versicherern wie der AIG auf, bei Banken wie den deutschen Landesbanken, in allerlei Hedge- oder Pensionsfonds.

Die Zentralbanken unterschätzen lange das Risiko, welches diese Papiere bargen, sie unterschätzten dann das destruktive Ausmaß der Kreditkrise, und sie überschätzten schließlich noch den möglichen Schaden, welche die Quantitative Lockerung (ein damals nur theoretisch erprobtes Hilfsmittel) anrichten würde. So dauerte die Krise deutlich länger als nötig.

In den USA wurde das Bankensystem zügig und radikal saniert (die Bilanzen der großen Institute wurden mit Staatsgeld gestärkt und viele kleine Institute wurden geschlossen) und das Land kam nach einigen Jahren wieder auf die Beine. In Europa hingegen gab es insbesondere aus Deutschland lange Widerstand gegen das Instrument der Quantitativen Lockerung und die Schließung schwacher Banken. Für den Kontinent bedeutete dies eine umso längere Agonie, als zur Bankenkrise im Jahr 2011 auch noch eine Staatsschuldenkrise hinzukam – die bis heute nicht ausgeheilt ist.

Es hat sich erstaunlich wenig geändert durch die Krise.

Über die Notoperationen hinaus hat es nicht den Mut gegeben, am System zu rütteln. Die Occupy-Bewegung blieb eine Fußnote. Dabei wäre viel Raum für ernsthafte Korrekturen am Finanzsystem gewesen. Allgemein wurde über die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung (insbesondere in den angelsächsischen Ländern) geklagt, aber es wurde nichts dagegen unternommen. Im Gegenteil, die Tendenz zur Monopolbildung in der Wirtschaft (welche für weniger Wettbewerb und mehr Ungleichheit sorgt) hat eher zugenommen. Nach wie vor hängt ein guter Teil der Nachfrage von neuen Schulden ab. Noch immer gibt es viele finanzielle Konstruktionen und Transaktionen, deren sozialer Nutzen sich auch mir nicht erschließt (falls das ein Maßstab ist). Noch immer bevorzugt das Steuersystem die Finanzierung durch Schulden vor der Finanzierung durch Eigenkapital. Die Wirtschaft ist immer stärker zu einer Rentenökonomie (engl. Rent-seeking) geworden, in der Grundbesitzer, Patentbesitzer, Monopolisten, Schuldenmacher (die heute Financial Engineers heißen) und ähnliche Glückspilze sehr gut leben, ohne Phantasie oder Schweiß in nennenswertem Ausmaß aufwenden zu müssen. Vielleicht hätte das alles uns nicht überraschen müssen, denn dieser Zustand eines verknöcherten, wachstumsfeindlichen Monopolkapitalismus wurde bereits in den 1940er-Jahren von Joseph Schumpeter beschrieben– als zwangsläufiger Endpunkt der kapitalistischen Wirtschaftsgeschichte.

Geändert hat sich das Misstrauen in die Eliten. Das trifft insbesondere die Technokraten, die das gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftssystem ausgestalten. Sie sind in einer modernen Wirtschaftsordnung unabdingbar, weil die Zusammenhänge für die meisten Politiker zu kompliziert sind. In den Zentralbanken, Ministerien und Aufsichtsbehörden sitzen Menschen, die die Wirkungsweisen von Geld- und Finanzpolitik verstehen, die das Steuerrecht und die darin enthaltenen Anreize kennen, die wissen wie hoch die Schulden und die Geldmenge sein darf. Sie haben ein Expertenwissen und kein Außenstehender sollte versuchen, ihnen ins Handwerk zu pfuschen. Aber die Technokraten sind manchmal anfällig dafür, sich in den Details zu verlieren. Sie sehen dann zwar prinzipiell, was in der Wirtschaft vor sich geht, aber sie verstehen nicht das Ausmaß und die Bedeutung. Technokraten versagen zwar selten, aber wenn es doch einmal passiert, dann tut sich genau die Bresche auf, die Dostojewskis Teufel für sein Werk braucht. Denn er steckt gerade nicht im Detail, sondern im Grundsatz.

Beispiele gibt es genug, die Lehman-Pleite war bei weitem nicht der einzige Fehler, der den Eliten in der letzten Generation unterlaufen ist. Ein anderer war etwa die Einführung des Euro. Die EU-Ökonomen hatten von grenzenlosen Märkten und optimalen Währungsräumen gesprochen und waren wohl zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu sehen, dass ein Deutschmark-Standard kaum anders wirkt als der Goldstandard, der in den 1920er-Jahren mit in die Katastrophe geführt hatte. Ein drittes Beispiel: Die Schock-Privatisierung in Russland in den 1990er-Jahren war, nach allem was man hört, ebenfalls nur in der Theorie gelungen.

Der Schaden, der durch den Ansehensverlust der Technokraten entsteht, ist latent aber sehr viel größer als derjenige, der von einer durchschnittlichen Finanzkrise verursacht wird.

Denn wo das Vertrauen in die Technokraten aber erst einmal erschüttert ist, sind Willkür und dem Glauben an allzu einfache Rezepte keine Grenzen mehr gesetzt. Wo die Experten versagen, entsteht ein Biotop für die Unvernunft: Es ist eine direkte Folge dieses Vertrauensverlusts, dass in den USA acht Jahre später ein geistiges Klima herrscht, in welchem eine besonders unvernünftige Regierung das Ruder übernehmen kann. Ähnlich steht es in Westeuropa: Die Einführung des Euro war ein Fehler, der nun zum Sargnagel des Vernunftprojekts EU zu werden droht.

Die gelegentliche Krise ist durchaus Teil des kapitalistischen Systems, kein Fehler in demselben. Ab und zu soll sich der Teufel ruhig in Form der „Animal Spirits“ Bahn brechen. Aber wenn die Technokraten falsch liegen, dann entsteht eine besondere Verbitterung, denn die Menschen führen ihre Probleme dann nicht auf ein ehernes ökonomisches Gesetz zurück, sondern auf die überflüssige Kopfgeburt eines zweitklassigen Theoretikers. Die entsprechende Gegenreaktion lässt dann nicht lange auf sich warten: Populismus, Nationalismus, emotionsgeladene Politik. Das also ist die Weise, wie der Dostojewskijs Teufel wirklich Unordnung und Unfrieden schafft: Er schickt den Regierungen wohlmeinende Technokraten mit unausgegorenen Theorien und Modellen, wodurch den Menschen das Vertrauen in die gute und gerechte Ordnung in der Welt tatsächlich abhandenkommt und der allgemeinen Unvernunft Tür und Tor geöffnet wird. Dem Glauben an die höhere ordnende Instanz, der bei den Brüdern Karamasow zwischen uns und des Teufels Chaos steht, wird so der Boden entzogen. Gott bewahre uns also vor schlechten Theorien!

Für den Investor kann das alles nur heißen, dass er mehr Schumpeter lesen und sein Geld so anlegen muss, dass es auch in einer zwischen Verknöcherung und Populismus oszillierenden Welt noch gut aufgehoben ist. Wachstum wird ein rares Gut bleiben, die Rentenökonomie und ihre Mono- und Oligopole werden noch einige Jahre lang funktionieren. Entsprechend kann und soll man investieren. Das ist für den Bürger keine schöne Aussicht, aber für den Anleger funktioniert es.

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