Entwickelt sich Deutschland wieder zum kranken Mann Europas?

Die aktuellen Zahlen belegen, dass Deutschland knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt ist. Im dritten Quartal stieg das BIP um magere 0,1%, nachdem es im zweiten Quartal geschrumpft war. Angesichts dieser enttäuschenden Zahlen stellen sich viele Kommentatoren die Frage, ob Deutschland sich zum „kranken Mann Europas“ entwickelt.

Hauptursache für die stockende deutsche Wirtschaft sind die rückläufigen Nettoexporte. Sie haben das deutsche BIP um 1,5% (oder ca. 45 Mrd. €) geschmälert. Die schwachen Nettoexporte gehen derzeit fast vollständig auf das Konto sinkender Exporte. Die Importe verharren dagegen auf hohem Niveau, was auf eine vergleichsweise robuste Binnennachfrage hindeutet.

Was ist der Grund für die schwachen Exporte?

Die Antwort liegt zum Teil im Automobilsektor. Im letzten Jahr sind die Ausfuhren von Pkw und Fahrzeugteilen um rund 30 Mrd. Euro zurückgegangen. In der Grafik unten ist die Zahl der produzierten Fahrzeuge abgebildet. Diese ist dramatisch gesunken, von 5,7 Mio. auf 4,7 Mio. Autos pro Jahr.


Quelle: Aegon Asset Management, Verband der Deutschen Automobilindustrie, Bloomberg

Für diese Abkühlung gibt es zwei Gründe. Erstens bewirkten die von der EU Ende 2018 eingeführten neuen Emissionsvorschriften, dass die Bänder vorübergehend stillstanden, da Werke nachgerüstet werden mussten. Danach sprang die Produktion nur unerwartet zögerlich wieder an. Zweitens leiden traditionelle Automobilhersteller unter der Konkurrenz durch Elektrofahrzeuge. 2020 dürften traditionelle Autohersteller erheblich mehr Elektrofahrzeuge produzieren, wie es weitergeht ist aber ungewiss.

Regionale Auswirkungen

Die deutsche Handelsbilanz mit China und den USA ist recht stabil geblieben und wurde daher nicht unmittelbar durch eine etwaige Abkühlung in den beiden Ländern beeinflusst. Jedoch haben sich die Nettoexporte nach Großbritannien ungefähr seit dem Brexit-Referendum (2016) zunehmend verlangsamt und sind seither um ca. 10 Mrd. Euro gesunken. Im selben Zeitraum schrumpften die Nettoexporte in die Türkei um ca. 5 Mrd. Euro. Verantwortlich hierfür war wahrscheinlich die massive Abwertung der türkischen Lira, die deutsche Waren teurer machte. Die Nettoexporte in die Niederlande und nach Belgien gingen ebenfalls um rund 6 Mrd. Euro zurück. Hierbei handelt es sich um typische Transitländer für deutsche Exporte in andere Länder. Der Rückgang der Exporte ist somit einer Vielzahl anderer Länder zuzuschreiben, und weniger den dominierenden Volkswirtschaften der USA und Chinas.

Welche Auswirkungen hat das?

Rückläufige Nettoexporte haben das Wachstum der deutschen Wirtschaft stark beeinträchtigt. Das ist mit ein Grund, warum die EZB beschlossen hat, ihre Geldpolitik weiter zu lockern. Die Verlangsamung konzentriert sich jedoch auf einige wenige Regionen und Sektoren in Deutschland und ist somit nicht flächendeckend. Dennoch zeigt sie, dass die deutsche Wirtschaft empfindlich auf relativ kleine Störungen reagiert.

In Zukunft wird viel von der Entwicklung des Austrittsverfahrens der Briten sowie des Handelskonflikts zwischen den beiden anderen wichtigen Handelspartnern USA und China abhängen. Wir rechnen nicht mit einem ungeregelten Brexit. Aber die europäische und die britische Wirtschaft werden künftig nicht mehr so eng verknüpft sein. Das könnte eine weitere Abschwächung der deutschen Exporte bewirken. Unabhängig vom Ausgang der US-Wahlen 2020 dürfte der sino-amerikanische Handelskrieg in der ein oder anderen Form weiter die Stimmung prägen. Ob das die deutschen Exporte auch unter Druck setzen wird, ist zwar ungewiss, ein Positiveffekt ist aber unwahrscheinlich.

Deutschland ist in den letzten Jahren relativ stark gewachsen, sodass eine vorübergehende Wachstumsdelle das Land noch nicht zum „kranken Mann“ Europas macht. Damit dies auch in Zukunft nicht geschieht, muss sich das Wachstum jedoch wieder beleben.

 

 

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