Insulinpreise in Amerika: Schöne Bescherung! (Teil 2:)

In unserem Blog von letzter Woche (Teil 1) haben wir versucht, die schwierige Frage zu beantworten, wo das Problem beim aktuellen System der Insulinpreise in Amerika liegt. Ein wesentlicher Aspekt wurde dabei aber ausgeklammert. Nämlich das „Warum“. Diese Woche will ich erläutern, warum das System krank ist und wie die Marktkräfte aufgrund des alles diktierenden Kumulierung auf kurze Sicht so undurchsichtig sind und dabei gleichzeitig langfristig so heimtückisch.

Verkehrtes Anreizsystem

Kommen wir auf den Punkt. Ein reduzierter Rabattanteil auf einem immensen Markt erzeugt wesentlich mehr Umsatz als ein erhöhter Rabattanteil auf einem kleinen Markt. Konkret bedeutet das: Für die Pharmacy Benefit Manager (PBM) werden Anreize geschaffen, den Markt zu vergrößern. Am besten gelingt ihnen das, wenn sie Preiserhöhungen zulassen. Ja, Sie haben richtig verstanden. Die Verantwortlichen für das Aushandeln von Preissenkungen profitieren von Preiserhöhungen! Das ist keine sozialistische Verschwörungstheorie, sondern unter Sell-Side-Analysten allgemein anerkannt:

„Bei der Rabattbasis des Systems besteht ein fundamentaler Interessenkonflikt, der in widersinniger Weise hohe Listenpreise für Arzneimittel (und gleichzeitige Preiserhöhungen) gefördert hat… Theoretisch sind für PBM hohe Arzneimittelpreise mit hohen Rabatten und hohen Selbstbeteiligungen finanziell ideal…. [Denn] dies sind die „Friktionskosten“ im Ökosystem der Arzneimittelpreise, da das (letztlich) von der „Gesellschaft“ bezahlte Geld für Arzneimittel Biopharmaunternehmen keinen Umsatz beschert.

-Analyst, Evercore ISI

Kumulierte (Eigen-) Interessen

Wie konnte es soweit kommen?  Wir könnten an dieser Stelle schließen und die Schuld einfach den Lobbyisten zuweisen. Aber das wäre zu einfach. Verantwortlich dafür ist im Grunde, dass die schleichenden und schädlichen Auswirkungen der kumulierten Teuerung kurzfristig nicht sichtbar werden. Gleichzeitig werden so viele Dinge auf kurze Frist geregelt. Die meisten Menschen sind jedoch nicht in der Lage, eine nicht-lineare Dynamik zu verstehen. Wie kann man dann erwarten, dass es Politikern angesichts des kurzen Wahlzyklus und unter dem Einfluss finanzstarker Lobbyisten besser ergeht?

Ich habe ein Kurzmodell erstellt, um zu zeigen, wie die Rechnung funktioniert. Das Ergebnis ist in der nachfolgenden Grafik dargestellt. Dabei habe ich die realen Preise pro Insulinampulle verwendet. Um zu veranschaulichen, in welchem Ausmaß die Incentives verkehrt sind, bin ich davon ausgegangen, dass der Rabatt für Arzneimittelpreise von 50% auf 70% steigt und der Rabattanteil der PBM  von 20% auf 15% sinkt. Trotz der „besseren“ Konditionen führt der Kumulierungseffekt der jährlichen Preiserhöhungen dennoch dazu, dass das Umsatzwachstum für Arzneimittelhersteller und PBM unverhältnismäßig hoch ist.

Die Illusion von „besseren“ Konditionen der Arzneimittelhersteller und PBM ist für diese politische Darstellung extrem wichtig. Da wäre sogar Machiavelli beeindruckt! Denn so können Politiker beweisen, dass sie ihr „Bestes geben“. Kurzfristige Rabatte und geringere Rabattanteile leuchten wesentlich mehr ein als die nicht-lineare Dynamik.  Pharmaunternehmen und PBM können sich glaubwürdig mit prozentual höheren Nachlässen und geringeren eigenen Rabattanteilen brüsten, während gleichzeitig ihre Umsätze, die Preise für Patienten und die Friktionskosten zulasten der Gesellschaft massiv steigen.

Fazit: Friktionskosten zulasten der Gesellschaft führen zu disruptiven Innovationen

Wir haben es mit einem außergewöhnlich System zu tun, das in einem jämmerlichen Zustand ist. Ich bin jedoch überzeugt, dass das Märchen der famosen „Marktkräfte“ im US-Gesundheitssystem bald enthüllt wird. Die Statistiken sind schon zu lange miteinander verwoben oder gar vertuscht. Die absolute finanzielle Belastung für die amerikanische Gesellschaft, ganz zu schweigen von den häufig gern übersehenen sehr realen und schmerzhaften Kosten für einzelne Betroffene, sind inzwischen zu groß, um ignoriert zu werden. Wertorientierte Gesundheitsversorgung. Regulierung. Wachsender Populismus. Diese Faktoren werden die Bewertungen, Umsätze und Cashflows derjenigen Unternehmen zunehmend unter Druck setzen, die sich systematisch an den Patienten und der Gesellschaft bereichert haben. Dabei wird dieses Doppelspiel ans Licht kommen. Aber das ist noch nicht alles.

Disruptive Innovationen peilen natürlich solche Probleme oder Situationen an. Und auch hier werden die Marktkräfte mitreden und mitgestalten. Die ungeheuren Reibungen, die ein manipuliertes System verursacht, fördern letztendlich Chancen für zielstrebige, disruptive Unternehmer zutage, die etwas verändern wollen. Es gibt bereits zahlreiche junge und innovative Unternehmen, die die Norm in Frage stellen und Technologien nutzen, um bessere und wirtschaftlichere Behandlungsergebnisse für Patienten zu erzielen. Solche Unternehmen weisen eindeutig nachhaltigere Geschäftsmodelle auf und werden aus meiner Sicht auch langfristig im Gesundheitssektor erfolgreich wirtschaften können. Sie werden von den Befürwortern von Veränderungen unterstützt.

Zweifellos ist es höchste Zeit für Veränderungen. Leider werden sie für viele zu spät kommen. „Die Zeit ist reif“ wäre damit auch eine gute Überschrift für diesen Blog gewesen – noch dazu eine wesentlich optimistischere.

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