Sehr geehrte Anleger

Ich danke Ihnen, dass Sie Ihre Sorgen mit mir teilen. Es tut mir leid, dass Ihre Anlagen Ihnen den Schlaf rauben. Willkommen im Leben eines aktiven Fondsmanagers! Aber Spaß beiseite, ich kann Ihre Sorgen gut verstehen. Viele Strukturen und Institutionen, auf die wir alle vertrauen, scheinen zu zerfallen oder sich grundlegend zu verändern. Angefangen von der lieb gewonnenen Idee des freien Handels bis zum Zugang der Briten zum europäischen Binnenmarkt wird Althergebrachtes voraussichtlich immer weniger Aufschluss über künftige Entwicklungen liefern. Trotzdem hoffe ich, dass ich Sie etwas trösten kann.

Zunächst ist für Anleger trotz des taktischen Säbelrasselns führender Politiker rund um den Globus die Verfassung der realen Wirtschaft letztlich entscheidend. Geht es den Unternehmen etc. in die Sie anlegen, weiter gut, werden neue Stellen geschaffen und liegen die Preise von Waren und Dienstleistungen im Rahmen? Die Antwort auf alle drei Fragen ist ein klares Ja. Die Unternehmensgewinne sprudeln, angeführt selbstverständlich von US-Firmen mit einem Gewinnanstieg von über 20% (der zu weniger als der Hälfte auf das Konto der Steuersenkungen von Präsident Trump geht). Und die Hälfte der Unternehmen in Europa und Japan übertrifft indes die Gewinnerwartungen für das zweite Quartal. Die Stimmungsbarometer für die Wirtschaft zeigen ebenfalls unbeirrt von den vielen Schlagzeilen nach oben, was sich in umfangreichen Investitionsplänen niederschlägt.

Überall werden Stellen geschaffen, allen voran in Großbritannien und den USA. Dort sind die Arbeitslosenquoten auf ein historisches Tief gesunken, Tendenz weiterhin fallend. Die Qualität dieser Stellen wirft sicherlich berechtigte Fragen auf, ebenso die schwache Produktivität. Aber zweifellos ist es besser, einen Job zu haben als nicht. Und schließlich ist der Preisauftrieb (oder auch die Deflation) nirgends ein Problem. Trotz aller Veränderungen in den letzten Jahren haben es die großen Volkswirtschaften offensichtlich geschafft, die Preise stabil zu halten. Einige grundlegende Faktoren, wie etwa die demografischen Trends, könnten Anlegern zwar noch Kopfschmerzen bereiten, werden aber voraussichtlich keine plötzlichen Störungen an den Märkten verursachen.

Oft werde ich zu Recht daran erinnert, dass vor allem geld- oder fiskalpolitische Maßnahmen die Richtung bestimmen und weniger die Politik. Selbst nach der Leitzinserhöhung in den USA und der Anhebung des Basiszinssatzes in Großbritannien schwankt die Geldpolitik auf breiter Front weiter zwischen locker und ultra-locker. Phasen des Aufschwungs werden durch geldpolitische Fehler unweigerlich abrupt beendet, statt sich langsam abzukühlen. Ich gestehe, dass es einige Monate lang durchaus Gründe gab, sich Sorgen über die Aussichten für die Weltwirtschaft zu machen, als die Volkswirtschaften in Europa und Japan scheinbar ins Trudeln gerieten. Nach einer längeren Pause scheint sich die Lage in diesen Wirtschaftsräumen buchstäblich und im übertragenen Sinn wieder aufzuhellen. Die US-Wirtschaft brummt. Die Wachstumsrate könnte im zweiten Quartal annualisiert 5% übersteigen, wobei eingeräumt werden muss, dass sie wahrscheinlich von einem regen internationalen Handel im Vorfeld der angedrohten Zölle profitiert. Insgesamt sind die weltweiten Gewinnaussichten solide.

Sicherlich gibt es auch Gegenwinde, die zum Teil scheinbar stärker werden. Aber ist das nicht immer so? Abgesehen von der Ungewissheit über den nächsten Tweet beunruhigen mich die Entwicklungen in China (mit Blick auf das verlangsamte Wachstum). Aber selbst hier scheinen die jüngsten fiskal- und geldpolitischen Initiativen die Wirtschaft in Fahrt zu bringen. Die jüngste Abwertung der chinesischen Währung ist zwar erheblich und muss beobachtet werden, möglicherweise führt sie jedoch vor Auge, dass doch nicht alles nach der unberechenbaren Pfeife des US-Präsidenten tanzen wird.

Die Bedrohung durch schädliche, populistische fiskalpolitische Manöver wird die Märkte wohl noch viele Jahre begleiten, wobei von Italien und Großbritannien die größten unmittelbaren Risiken ausgehen (in Italien durch die derzeitige Regierung und in Großbritannien durch eine neue Regierung, die möglicherweise schon in den Startlöchern steht). Im globalen Kontext sind diese beiden Volkswirtschaften jedoch nicht von großem Gewicht. Wenn sie Ihnen also zu heikel sind, legen Sie einfach woanders an (es gibt genügend solide Alternativen).

Es ist nie leicht, Anlagerenditen zu erzielen, die über dem Niveau risikofreier Anlagen liegen. Wenn das aber doch so scheint, sollte man sich allerdings wirklich Sorgen machen! Die Weltwirtschaft würde mit einer Rezession in absehbarer Zeit zu kämpfen haben, aber wenigstens scheint sich jeder (der die Macht hat, Entwicklungen zu beeinflussen) darüber im Klaren zu sein. Vor mehr als einem Jahr habe ich Ihnen geschrieben, dass der beste Teil der Rally am Aktienmarkt (seit Beginn der schweren Finanzkrise) möglicherweise noch bevorsteht. Obwohl wir uns bereits in einer reifen Phase befinden, setzt sich das Wirtschaftswachstum fort. Ein Ende scheint nicht in Sicht, so dass ich riskante Anlagen unverändert optimistisch beurteile.

Sie können also beruhigt schlafen!


Stephen Jones
CIO, Kames Capital

Zurück Witold Bahrke: Aktien - das Ende der Party rückt näher
Nächste AXA IM aktuell: Factor Investing – mit Datenanalyse zur Rendite