Europa wird weiblicher
9. Juli 2019 106 Views

Europa wird weiblicher

Ein Kommentar von Sébastien Galy, Senior-Makrostratege bei Nordea Asset Management:

„Christine Lagarde und Ursula von der Leyen sind für die Präsidentschaft der Europäischen Zentralbank (EZB) bzw. der Europäischen Kommission gesetzt. Dies zeigt: Europa wird weiblicher. Beide Kandidatinnen sind außergewöhnlich. Sie sind bekannt für ihre Fähigkeit, Koalitionen zu bilden, und sollten Europa nachhaltig prägen.

Christine Lagarde war während ihrer gesamten Karriere eine Verfechterin von Stabilität. Sie begann in der Regierung von François Fillon, diente in verschiedenen Bereichen von der Wirtschaft bis zur Landwirtschaft, und stand für Aufgeschlossenheit. Als Arbeitsrechtlerin setzte sie sich für dieses Thema ein, ohne sich stark rechts oder links zu positionieren. Während der Verhandlungen über die europäische Rettungsaktion hielt sie an der gewohnten Haltung des Internationalen Währungsfonds fest, was sie klar im Lager der Falken verortete. Mit Argentinien war sie jedoch auch bereit, ein großes Risiko einzugehen. Entsprechend sollte sie als Konsensfinderin betrachtet werden, als jemand, der sich der jeweiligen Situation anpasst. Sie dürfte zunächst eine weitere Lockerung befürworten, aufgrund der aktuellen Verlangsamung des Wachstums und der Tatsache, dass das Inflationsziel nicht erreicht wird. Sobald sich die Situation jedoch umkehrt, wird sich vermutlich ihre Position ändern und sie dürfte erneut ins Lager der Falken wechseln. Angesichts des Widerstands der US-Regierung dürften negative Zinssätze nur moderat eingesetzt werden.

Ursula von der Leyen ist bekannt für ihre Fähigkeit, Aufgaben erfolgreich zu erledigen. Seit 2005 war sie ununterbrochen in der Regierung von Angela Merkel tätig, zuletzt als Verteidigungsministerin. Ihr internationaler Hintergrund dürfte ihr zugutekommen: Als Kind lebte sie in Belgien, sie spricht fließend Französisch und ist seit ihrer Geburt den Umgang mit hochrangigen Persönlichkeiten gewohnt. Ihre Ausbildung zur Ärztin dürfte ihr dabei helfen, Probleme zu analysieren und dann Lösungen dafür zu finden. Ihre Karriere als Professorin hat vermutlich dazu beigetragen, dass es ihr mühelos gelingt, Menschen und Gruppen anzuleiten. So auch die Gruppe der europäischen Verteidigungsminister. Tatsächlich beeindruckte sie die Franzosen so sehr, dass diese Angela Merkel ihre Kandidatur vorschlugen. Politisch gehört sie der Christlich Demokratischen Union Deutschlands an, also der rechten Mitte. Ihre Kandidatur ist jedoch noch keine ausgemachte Sache, da sie vom Europäischen Parlament erst noch genehmigt werden muss.

Dies ist ein einzigartiger Moment in der Geschichte Europas. Denn wir haben nicht nur eine, sondern gleich zwei weibliche Kandidaten für die Spitze der EZB und der Europäischen Kommission. Das deutet auf einen Wandel an der Spitze der europäischen Führung hin und ist ein Symptom für strukturelle Veränderungen, einschließlich der Einstellungen zu Geschlechtervielfalt und Klimawandel.“

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