Ist ein Ende des globalen Carry Trades in Sicht?

Ist ein Ende des globalen Carry Trades in Sicht?

Sébastien Galy, Senior-Makrostratege bei Nordea Asset Management, erklärt im Folgenden, welche Entwicklungen den globalen Carry Trade zum Erliegen bringen könnten und warum es sinnvoll ist, auf flexible Anlagestrategien zu setzen.

„Wir erleben aktuell eine Überreaktion an den Aktienmärkten – gestützt durch bessere Wirtschaftsdaten in der Aufwärtsphase einer U-förmigen Konjunkturerholung. Die Angst, etwas zu verpassen, und die sehr niedrigen Zinssätze tragen ebenfalls dazu bei. Zugleich gibt es eine hohe Korrelation zwischen den verschiedenen Vermögenswerten und in einigen Fällen sehr niedrige Risikoprämien. Die meisten von uns vermuten, dass uns ein Short Squeeze bevorsteht – also eine Angebotsknappheit bei Wertpapieren, die zuvor in großer Anzahl leerverkauft wurden. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Frage, was diesen Carry Trade über den erwarteten Short Squeeze hinaus zum Erliegen bringen könnte. Die Antwort auf diese Frage ist komplex – wichtig sind die folgenden Aspekte:

  1. Die Inflation dürfte 2022/2023 höher sein – vor dem Hintergrund, dass die US-Notenbank Federal Reserve ihre Geldpolitik erst verspätet straffen wird.
    a) Unter der Annahme, dass die Fed die richtigen Schritte einleitet, dürften zyklische Werte und einige Value-Aktien von einer solideren Binnennachfrage profitieren. Gleichzeitig könnten die geringeren Fremdfinanzierungsmöglichkeiten und ein gewisses Schrumpfen der Gewinnmargen kleinen Wachstumswerten und nichtzyklischen Unternehmen mit geringen Gewinnen schaden. Das trifft zum Beispiel auf die verarbeitende Industrie zu (Ford etwa verliert und gewinnt gleichzeitig in diesem Szenario).
    b) Sollte die Fed zu wenig straffen, wird sie gezwungen sein, in ihrer Geldpolitik 2023/2024 rasch nachzulegen. Dies dürfte Schockwellen in der Wirtschaft auslösen, den Abbau der Verschuldung erzwingen und zu einer scharfen Korrektur risikoreicher Anlagen führen.
    c) Wenn die Fed über das Ziel hinausschießt, wird dasselbe passieren – allerdings früher. Das ist der Kern der Herausforderungen für die Fed. Sollte die Inflation nicht mehr fest verankert sein, stehen wir kurz vor einer potenziellen Katastrophe. Das bedeutet, dass das Zinsrisiko wesentlich höher sein dürfte.
  2. Übermäßige Bewertungen und ein hoher Verschuldungsgrad können diesen Carry Trade gefährden, zumal er sich nur auf einige wenige Aktien konzentriert, was für fortgeschrittene Carry Trades typisch ist.
  3. Da sich die Gewinne auf einige wenige Aktien konzentrieren, könnten spezifische Risiken, wie z.B. von China ergriffene Gegenmaßnahmen, den gesamten Aktienmarkt erschüttern.
  4. Die Weltwirtschaft könnte sich plötzlich verlangsamen – zum Beispiel, wenn sich der Handelskrieg intensiviert, eine Gesundheitskrise (etwa in den USA) außer Kontrolle gerät oder ein plötzlicher Vertrauensverlust in Branchen aufgrund höherer Unternehmenssteuern eintritt, wie wir es in Großbritannien erleben könnten.

Was bedeutet das für Investoren?

„All diese möglichen Ereignisse sind bekannt. In einem instabilen System wie das, in dem wir uns derzeit befinden, ist das Eintreten solcher Ereignisse sehr viel wahrscheinlicher, insbesondere im Bereich der Politik. Dies spricht auch weiterhin dafür, einige globale Absicherungen im Portfolio zu halten (z.B. Gold, US-Staatsanleihen mit langer Laufzeit, etc.) und vor allem den Anteil flexibler Lösungen im Portfolio zu erhöhen. Sie ermöglichen es, die Vermögensallokation schnell anzupassen.“

 Flexibilität als Frühindikator

„Ein Schiff, das von Hafen zu Hafen fährt, minimiert dabei seine Treibstoffkosten und die Gefahr, in einen Sturm zu geraten. Flexibilität auf der anderen Seite ist die Fähigkeit, sich schnell an neue Umstände anzupassen, neue Winde, Meeresströmungen und dergleichen für sich zu nutzen. Beide Strategien bringen Sie in den Hafen, wenn auch nicht unbedingt auf die gleiche Art und Weise oder mit der gleichen Geschwindigkeit. Ein flexibler Investmentansatz erlaubt es, Risikoprämien schneller zu nutzen, als dies bei einer traditionellen Asset Allokation der Fall ist. Flexibilität bedeutet außerdem, dass sich die Vermögensallokation aus einer Vielzahl von Märkten ableitet, was ein viel breiteres Verständnis von Spannungslinien oder neuen Trends erfordert. Daher liegt der Wert eines flexiblen Ansatzes auch darin, dass er Investoren Signale für deren breitere Vermögensallokation gibt.“

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