Nachhaltig in die Gig Economy investieren

Nachhaltig in die Gig Economy investieren

Neue Technologien verändern traditionelle Geschäftsmodelle, und freiberufliche Arbeit, auch „Gigging“ genannt, entwickelt sich zur neuen Normalität. Hilde Jenssen, Leiterin des Bereichs Fundamental Equities bei Nordea Asset Management, sieht in der neuen Gig Economy attraktive Investmentchancen – sofern Unternehmen auf nachhaltige Geschäftspraktiken hin geprüft werden.

Das US Bureau of Labor Statistics berichtete 2017, dass 55 Millionen Menschen in den USA „Gig-Arbeiter“ seien.[1] Das entspricht etwa 34 Prozent der Erwerbsbevölkerung der USA. Diese Zahl dürfte zudem weiter wachsen, auf voraussichtlich 43 Prozent im Jahr 2020. Laut einem Bericht der Unternehmensberatung McKinsey könnte die Gig Economy sogar die größte strukturelle Veränderung am Arbeitsmarkt seit der industriellen Revolution sein. „In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass solche Veränderungen Potenzial für Investoren liefern. Die Gig Economy könnte zu einer attraktiven Anlagechance für nachhaltigkeitsorientierte Anleger werden“, so Jenssen.

Die Food-Delivery-Branche sei ein gutes Beispiel für den disruptiven Einfluss der Gig Economy auf die traditionellen Wertschöpfungsketten. „Kunden neuer Online-Food-Delivery-Plattformen haben ganz andere Bedürfnisse und Erwartungen als der herkömmliche Pizza-Kunde“, sagt Jenssen. Der Zeitfaktor sei entscheidend – nichts sei so ausschlaggebend für die Kundenzufriedenheit wie die Liefergeschwindigkeit: Laut einer Studie von McKinsey nannten durchschnittlich 60 Prozent der Kunden an allen Märkten diese als entscheidenden Faktor.[2] Die Lieferplattformen würden durch die Speicherung relevanter Kundendaten für ein individualisiertes Bestellerlebnis sorgen und damit für eine große Kundenbindung. Einmal angemeldet, blieben 80 Prozent der Kunden einer Plattform treu bzw. wechselten nur selten zu einer anderen Plattform. Demnach gehen jene als Sieger aus dem Wettbewerb hervor, die innerhalb der kürzesten Zeit die meisten Kunden gewinnen können.

Gig-Anlagen, die gut für „Gigger“ sind

Da der Gesamterfolg eines Unternehmens in der Gig Economy auch wesentlich von der Zufriedenheit der „Gigger“ abhängt, ist es aus Sicht Jenssens für Investoren wichtig zu prüfen, wie ein Unternehmen mit seinen Mitarbeitern umgeht. Die Rechte der Gigger seien essentiell. „Denn was passiert, wenn man statt eines festen Jobs einer Arbeit auf Tagesbasis nachgeht? Unabhängige Auftragnehmer werden nicht wie Firmenangestellte behandelt, sondern stellen häufig ihr eigenes Auto oder ihren eigenen Computer zur Verfügung, schließen auf eigene Kosten eine Krankenversicherung ab und kümmern sich um ihre eigene Altersvorsorge. Gigger können ihre Arbeitszeit zwar flexibel gestalten, haben im Falle einer Krankheit jedoch Einkommenseinbußen und müssen auf bezahlten Urlaub verzichten. Mangelnde Beschäftigungssicherheit steht auf der Liste der Nachteile für Gigger ganz oben“, meint Jenssen.

Die neue Gig Economy unterliege noch keinen allgemein verbindlichen Regelungen und Vorschriften, und nicht alle Unternehmen verfolgten in puncto Arbeitnehmerrechte denselben Ansatz. Dies zeigt der Vergleich zwischen zwei Unternehmen in der Food-Delivery-Branche. Takeaway.com ist eine führende Online-Food-Delivery-Plattform, die in zehn europäischen Ländern sowie in Israel vertreten sei. Das Unternehmen hat seinen Sitz in den Niederlanden, wo Arbeitnehmer umfangreiche Rechte genießen, und hat die strategische Entscheidung getroffen, die Arbeitskostenbasis anzuheben. „Ziel ist es, dadurch eine bessere Gesamtqualität und nachhaltige Geschäftspraktiken sicherzustellen“, erklärt Jenssen. „Im Gegensatz dazu setzt Delivery Hero – eine der weltweit führenden Online-Plattformen für die Bestellung und Lieferung von Essen – auf Wachstum. Das Unternehmen expandiert rasant an den globalen Märkten, einschließlich Asien, wo Arbeitnehmerrechte noch nicht so lange etabliert sind.“ Im September 2018 habe die Internationale Transportarbeiter-Föderation Delivery Hero aufgerufen, seine Geschäftstätigkeit in Australien aufzugeben, nachdem das Unternehmen es dort versäumt hatte, Löhne und Steuern zu zahlen. Das Hauptrisiko besteht aus Sicht der Nachhaltigkeits-Expertin darin, dass das Unternehmen aufsichtsbehördlichen Kontrollen in Bezug auf den Umgang mit seinen Arbeitnehmern ausgesetzt sein könnte. Dadurch drohe ein Anstieg der Arbeitskosten, den das Unternehmen in seiner derzeitigen Strategie nicht berücksichtigt habe.

„Im Fall von Takeaway.com sind wir der Ansicht, dass der Markt die Wachstumsrate und die von der Nachfrage und einer attraktiven Kostenstruktur getriebene längerfristige Rentabilität des Unternehmens unterschätzt. Das Unternehmen ist derzeit noch in einer frühen Entwicklungsphase und nicht profitabel. Die potenzielle Ergebnisspanne ist daher recht groß und birgt Risiken“, so Jenssen. Dennoch ist Takeaway.com aus Sicht Jenssens sehr gut positioniert, um den sich ändernden Konsumgewohnheiten der Verbraucher gerecht zu werden, und stellt eine durchaus interessante Anlagemöglichkeit dar. „Zwar überzeugen die Aktien hinsichtlich der Bewertung noch nicht. Die genannten Aspekte sowie die transparente Personalpolitik des Unternehmens und der enge Zusammenhang zwischen den KPIs und den Arbeitsbedingungen machen Takeaway.com jedoch zu einem attraktiven Kandidaten für die Aufnahme in einen unserer ESG-STARS-Strategie“, erklärt Jenssen.

Die Gig Economy wachse weiter – mit tiefgreifenden Auswirkungen für Arbeitnehmer, Unternehmen und Anleger. Das Potenzial für Arbeitnehmer und Anleger sei groß, aber es bedürfe intelligenter und wirksamer Regelungen, um beide zu schützen und das Potenzial dieser bedeutenden technologischen Entwicklung voll auszuschöpfen.

Weitere Informationen zu den STARS-Strategien von Nordea finden Sie hier: https://www.nordea.de/de/professional/funds/nordea-stars-offering/

[1] International Labour Organization, „Helping the gig economy work better for gig workers“

[2] McKinsey & Company, „The changing market for food delivery“, November 2016

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