Swisscanto Invest – Kurzbericht Dezember 2020

Aktien: Value-Stil mit Aufholpotenzial

Konjunktur

Früher als erhofft, gelang es verschiedenen Pharmafirmen Impfstoffe gegen COVID-19 zu entwickeln, die sich als sehr wirkungsvoll erwiesen haben. Die Zulassungsbehörden in den USA und Europa dürften den Impfstoffen noch in diesem Jahr eine Freigabe erteilen. Damit wird die Pandemie mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt und das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben kann sich wieder normalisieren. Zwar werden die Indikatoren zur aktuellen Konjunkturlage in Europa und in den USA zunächst noch verhalten ausfallen, die konjunkturellen Aussichten für 2021 und 2022 präsentieren sich indes aufgrund der erhofften Impfstoffwirkung deutlich besser als zuvor.

Notenbanken bleiben expansiv

Die Anleihenrenditen haben ihren Tiefpunkt mittlerweile durchschritten. Orchestriert von den Notenbanken werden die Renditen – insbesondere über die längeren Laufzeiten – im Einklang mit einer besseren Konjunkturdynamik moderat ansteigen. Somit werden die Zinskurven über die nächsten zwölf Monate steiler. Die Notenbanken stehen jedoch Gewehr bei Fuß und werden bei stärkeren Renditebewegungen umgehend reagieren. Die 30-jährige US-Rendite ist seit dem Tiefpunkt Anfang März wieder auf 1,6 Prozent angestiegen. Bei einem stärkeren Renditeanstieg wird die US-Notenbank jedoch auch in einem größeren Umfang am Primärmarkt aktiv. So hat sie bei der letzten Neuemission von US-Staatsanleihen Mitte November rund 22 Prozent der 30-jährigen Tranche übernommen. In der Summe strebt die US-Notenbank mit den Käufen am Sekundärmarkt weiterhin ein Ankaufsvolumen von 80 Milliarden pro Monat bei US-Staatsanleihen an. Solange die Inflationsraten deutlich unter den Notenbankzielen verharren, wird die expansive Geldpolitik fortgesetzt. Sowohl in den USA als auch in der Eurozone liegt die realisierte Inflation noch deutlich unter der anvisierten 2%-Schwelle. Erst bei einem nachhaltigen Anstieg über diese Marke werden die Notenbanken eine weniger expansive Geldpolitik in Erwägung ziehen.

Konjunktursensitive Sektoren favorisiert

Die Aussicht darauf, dass mehrere Impfstoffe gegen das Coronavirus zur Verfügung stehen werden und diese schneller kommen als erhofft, hat den Optimismus in Bezug auf die globale Konjunktur deutlich steigen lassen. Auch wir haben unsere Wachstumsprognosen für 2021 und 2022 angehoben. Das neue Szenario dürfte vor allem die zyklischen Sektoren, die wir bereits seit längerem als attraktiv erachten, weiter beflügeln. Daneben hat sich jetzt auch das Umfeld für die Finanzdienstleister verbessert. Denn das aufgehellte globale Konjunkturbild sollte erstens dazu führen, dass die Banken keine weiteren Rückstellungen für „Corona-bedingte“ Zahlungsausfälle bilden müssen beziehungsweise diese sukzessive wieder auflösen können. Zweitens erwarten wir mit einer dauerhaft expansiven Geldpolitik sowie steigenden Inflationserwartungen eine steilere Zinsstrukturkurve, die den Banken zu einer Erholung der Margen verhelfen sollte. Drittens dürfte die neue konjunkturelle Zuversicht generell zu einer anziehenden Kreditnachfrage führen. Und weil die Finanzdienstleister im Vergleich zum Gesamtmarkt sehr niedrig bewertet sind, sehen wir mindestens vorübergehend Potenzial für eine Aufholbewegung. Diese Neueinschätzung hat auch Auswirkungen auf die relative Attraktivität der Investment-Stile Value und Growth. In der Hoffnung auf eine breit ab gestützte wirtschaftliche Erholung und des damit verbundenen überdurchschnittlichen Kurspotenzials der Finanzdienstleister, dürfte der Value-Stil, zu dem die Finanzdienstleister mehrheitlich gezählt werden, kurz- bis mittelfristig besser als Growth abschneiden. Der langfristige Trend spricht zwar weiterhin für Growth, aber mindestens eine Rückkehr zum Verhältnis der beiden Stilindizes wie vor Ausbruch der Coronakrise erachten wir als plausibel.

Eurozone: zyklisch und Value

Unsere geänderte Einschätzung der Sektor- und Stilfavoriten wirkt sich auch auf die relative Attraktivität der Regionen aus. So wird der Schweizer Aktienmarkt von den defensiven Sektoren Gesundheit und nichtzyklischem Konsum dominiert und stellt insofern einen sicheren Hafen im Aktienuniversum dar. Falls sich unser Szenario in den kommenden Monaten einstellt, dürften diese Sektoren und damit der Gesamtmarkt unterdurchschnittlich abschneiden. Umgekehrt verhält es sich in der Eurozone. Dort sind die Zykliker am stärksten gewichtet und die Finanzdienstleister prominent vertreten. Letztere hatten zuvor schon unter den Folgen der Finanz- und Schuldenkrise zu leiden. In der Coronakrise wurden sie nochmals überdurchschnittlich abgestraft. Auch wenn die strukturellen Herausforderungen aus den ersten beiden Krisenherden weiterhin nachwirken, sollte zumindest das Ende der Coronakrise zu einer deutlichen Erholung führen. Damit wäre eine wichtige Voraussetzung für eine Outperformance der Eurozone gegenüber den anderen Regionen geschaffen, denn die Indexentwicklung der Währungsgemeinschaft ist seit der Finanzkrise eng mit derjenigen der Finanzdienstleister verknüpft.

Gold: bessere Konjunkturperspektiven bremsen

Für die zukünftige Richtung des Goldpreises ist die Entwicklung des US-Dollars und der Realrenditen entscheidend. Diese wichtigen Indikatoren bestimmen die Attraktivität von Goldinvestitionen maßgeblich. Mit den Aussichten auf einen Impfstoff haben sich die Konjunkturperspektiven verbessert. Die US-Leitwährung dürfte in einem solchen Umfeld zwar weniger gefragt sein, was positiv für Gold ist. Andererseits rechnen wir angesichts der sich beschleunigenden Konjunkturdynamik mit moderat anziehenden US-Realrenditen, was den Goldpreis belastet. Die Chancen auf einen Anstieg haben sich deshalb eingetrübt, bestehen aber weiterhin. Die Realrenditen werden über längere Zeit im negativen Bereich verharren, da die US-Notenbank ihre ultra-expansive Geldpolitik fortsetzen wird. Der große Richtungswechsel bei Gold ist erst zu erwarten, wenn die US-Notenbank ihre Kommunikation ändert und geringere Wertpapierkäufe („Tapering“) absehbar werden. So ging im Jahr 2013 die Ankündigung von einer Reduktion der Wertpapierkäufe mit einem starken Realrenditeanstieg einher und belastete den Goldpreis erheblich. An diesem Punkt sind wir jedoch noch lange nicht angelangt.


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Frank Männer

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